Der Wert von Miteinander

Zur gesellschaftlichen Bedeutung des Fußballs

Fußball ist ein wichtiges Kulturgut. Er bringt Menschen zusammen, entfesselt Leidenschaft und verbindet auf und abseits des Rasens.

Claudia Roth (Grüne), Staatsministerin für Kultur und Medien

Es ist noch nicht lange her, da hätte die Würdigung des Fußballs und seiner Fans als Kulturgut eher ein Naserümpfen hervorgebracht. Zu groß schienen seit Jahrzehnten die Vorurteile gegen die „englische Fußlümmelei“[1]. Gegen die als proletarisch wahrgenommenen UnterstützerInnen der Vereine, denen man kaum einen geraden Gedanken zutrauen mochte. Eher heimlich informierten sich ProfessorInnen über Spielstände und auf der Arbeit wurde nur still über die aktuellsten Entwicklungen getuschelt.[2] Doch so ganz entziehen konnte sich eigentlich niemand dem Faszinosum aus unvorhersehbarem sportlichem Wettkampf, bunten Fahnen und mehr oder weniger orchestrierten Gesängen. Mittlerweile scheint das Pendel eher in eine Vereinnahmung des Fußballs durch die Hochkultur auszuschlagen, PolitikerInnen zeigen gerne ihre Verbundenheit mit dem Tragen von Fanschals und die Werbeindustrie entdeckt ihre „wahre Leidenschaft“ für den Fußball.[3]

Für Fussball, du wunderschöner Fussball, Wir glauben nicht an Zufall, Wir glauben an dich Fussball, Fussball

Fettes Brot & Bela B.

Dennoch haben die veränderten Debatten über den Fußball in den vergangenen Jahren eines herausarbeiten können: Um den Fußball herum hat sich eine ganze Kultur entwickelt, die manchmal widerspenstig, aber doch zumeist kreativ und innovativ ihre Leidenschaft für den Sport betont und die ganze Städte seit Jahren prägt. Stadien sind dabei der Gegenentwurf zu dem, was in der Soziologie als „Nicht-Orte“ bekannt ist, also Orte ohne Geschichte, menschliche Beziehungen oder Identität.[6] Ganz im Gegenteil sind Stadien Orte voller Emotionen, gemeinsam geteilter Leidenschaft und tradierter Geschichten abseits des Alltags. Das Stadion, so heißt es in einer Dokumentation des Oldenburger Werkstattfilm e.V. „ist unbestreitbar ein soziokultureller Ort und muss auch als solcher gedacht werden.“ [5] Stadien mit ihrer Wirkung in die Stadtgesellschaft stehen in diesem Sinne in einer Reihe mit Theatern, Museen oder Konzerthäusern, was ihre Bedeutung für die Zivilgesellschaft angeht. [6]

Deutlich wird dies auch mit Blick auf die Fanszene des VfB Oldenburg, bei der seit den 1990er Jahren Leidenschaft für den Sport und zivilgesellschaftliches Engagement Hand in Hand gehen mit (Pop-)Kultur, Literatur, Film, Erarbeitung der Sport- und Stadtgeschichte, aber auch Einsatz gegen Rassismus und Antisemitismus und für eine offene Gesellschaft. Und das Ganze auch in Partnerschaft mit anderen Vereinen, Initiativen und Bündnissen, wie z.B. dem Präventionsrat Oldenburg. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist die Auszeichnung des „VfB für alle“ mit dem Julius-Hirsch-Preis durch den Deutschen Fußball-Bund. [7] Aber auch Jugendfahrten nach Ausschwitz, die Aufarbeitung der jüdischen Vergangenheit des VfB Oldenburg [8], antirassistische Aktionen, jährliche Film- [9] und Musikfestivals [10], Beteiligung am Christopher-Street-Day, Einkäufe für ältere Menschen während der Corona-Pandemie oder ganz klassische Fanzines [11].

Das Stadion als soziokultureller Ort erlaubt Kontakte und Verbindungen über Schicht- und Klassengrenzen hinweg, was im Alltag oftmals unmöglich erscheint. Auch wenn es klischeehaft herüberkommt, gibt es wenige Orte, an denen die Rechtsanwältin mit dem Industriearbeiter und die Schülerin mit dem Rentner zusammen leidet, aber auch feiert. Fußball als Volkssport ist damit eines der wenigen verbliebenen gemeinschaftlichen sozialen Ereignisse in einer sich ansonsten individualisierenden und fragmentierenden Gesellschaft. [12]

Alles was ich über Moral und Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.

Albert Camus

Fußballstadien sind darüber hinaus gerade für junge Menschen auch Lernorte. Bei Fußballfanszenen dürfte es sich um die letzte große verbliebene Jugendsubkultur handeln. [13] Mit Lernort ist damit nicht nur gemeint, mit Siegen und Niederlagen umzugehen, sondern vor allem das gemeinsame Organisieren von Veranstaltungen, Auswärtsfahrten, Reisen, die Erfahrung von Gemeinschaft und Solidarität, aber auch das Wahrnehmen von Verantwortung und Verbindlichkeit für eine Gruppe. [14] Daraus erfolgt oftmals auch ein Demokratielernen. [15] Erst kürzlich konnten deutschlandweit Fans durch lauten, bunten, friedlichen und kreativen Protest ihre Haltung zu einem Investoreneinstieg in die DFL erfolgreich deutlich machen, diesen sogar verhindern. Dies reiht sich in eine bereits länger existierende Tradition zivilgesellschaftlichen Engagements ein. [16] Die Oldenburger Fanszene hat sich seit Jahren in Debatten um Ausschließung und Ausgrenzung, aber auch um Bürgerrechte aktiv eingebracht und diese beeinflusst. Dies ist auch politisch nicht unbemerkt geblieben: „Die VfB-Fans kommen an Menschen heran, die andere schon längst aufgegeben haben.“ so Ratsfrau Nicole Piechotta (SPD). Dies gilt auch für das offizielle Fanprojekt des VfB Oldenburg, das erst kürzlich für seine herausragende sozialpädagogische Arbeit ausgezeichnet worden ist. [17]

Vereine sind Blutgefäße einer gesunden Zivilgesellschaft, hier finden Diskussionen, Zusammenarbeit und Innovationen statt. Vereine sind Horte des Lebens, Lieben und Leidens.

Maik Weichert , Heaven Shall Burn [18]

Im Stadion pocht das kulturelle Herz einer Stadt. Sei es beispielsweise in Liverpool als die dortigen Jugendlichen die Songs der Beatles aufgriffen, sei es wenn die Musik von Bob Marley bei Ajax Amsterdam popkulturell verewigt wurde oder auch in St. Pauli mit seiner lebendigen Musikszene, die sich im Millerntorstadion und um den Verein tummelt. [19] Doch eine solche Kultur braucht auch die entsprechenden Rahmenbedingungen. Diese sind in Oldenburg mit dem Marschwegstadion schon lange nicht mehr gegeben. Dies beginnt bei einer Soundanlage, die jedem Anwesenden die Zehennägel aufrollt, setzt sich über eine überdachte Tribüne fort, die nicht vor Regen schützt und endet bei nicht vorhandenen Räumlichkeiten für Fans und das Fanprojekt – Probleme, die am Marschweg auch nicht behebbar sind. Es wird daher Zeit, dass der Verein auch baulich in das Herz der Stadt zurückkehrt, in dem er und seine Fans kulturell, zivilgesellschaftlich und emotional schon immer waren und sind. Zum sozialen Schaden Oldenburgs wird es sicher nicht sein.

Quellen

  1. Fußballanfänge in Deutschland – DER SPIEGEL
  2. Fürtjes/Hagenah (2011): Der Fußball und seine Entproletarisierung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie;
    Hering (2017): Kicken im Schatten der Fördertürme: die Arbeiter entdecken das Spiel, in Hering: Im Land der tausend Derbys
  3. Künstler mit Kick – Deutschlandfunk Kultur
  4. Augé (1994): Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit
  5. Werkstattfilm e.V. (2017): Zwischen Himmel und Hölle. DVD
  6. Wie der Fußball die Zivilgesellschaft bereichert – Deutschlandfunk
  7. „VfB für Alle“ gewinnt Julius-Hirsch-Preis – NWZ
  8. Der VfB Oldenburg im Nationalsozialismus – VfB für Alle
  9. Gegengerade-Festival
  10. Updreihn-Festival
  11. Spoony
  12. Das Wir: Wie Fußball Menschen verbindet – Migazin;
    Weigelin, Max: Raunen, Singen, Jubeln: Sinnessoziologische Sondierungen im Fußball, in: Soziopolis: Gesellschaft beobachten.
  13. Größte Jugend-Subkultur – TAZ
  14. Thalheim (2019): Ultras und der Fußball-Event: Vom Miteinander-Machen zum Selber-Machen und de Machen der Sozialen Arbeit, in: FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft.
  15. Weber/Turner (2023): Standing here: rituals, rights, and the radical democratization of football spectatorship, in: Annals of Leisure Research.
  16. Duttler (2014): Ultras: Der kreative Protest aktiver Fans gegen Kommerzialisierungsprozesse im Fußball.
  17. Fanprojekt erhält Qualitätssiegel – Stadt Oldenburg
  18. Heaven Shall Burn Sponsor auf einem Fußballtrikot – Toughmagazine
  19. Zeitspiel Magazin: Fußball und Musik.

Bildmaterial: Succade Ultrà Oldenburg