Chronik der Oldenburger Stadion-Debatte

Die Stadionfrage ist nichts Neues, tatsächlich wird sie in unserer Stadt schon seit mehr als 30 Jahren gestellt. Wir haben nachfolgend die wichtigsten Ereignisse zusammengetragen.

1991

Der VfB Oldenburg muss sein altes Stadion in Donnerschwee, die „Hölle des Nordens“ aufgeben. Der Verein hatte sich in den 80ern (im Gegensatz zu vielen Vereinen aus den oberen Ligen) nicht finanziell professionell aufgestellt, sondern versucht, vieles weiterhin in traditionellen Vereinsstrukturen zu regeln. Als Folge plagen den VfB arge Geldsorgen und so muss das vereinseigene Gelände an der Ecke Donnerschweer Straße und Wehdestraße versilbert werden. Das ist allerdings nicht der einzige Grund, denn der stimmungsvolle Platz ist auch nicht mehr für die 2. Bundesliga tauglich. Die beengte Lage im Wohngebiet lässt – wie heute am Marschweg – keine Weiterentwicklung zu. Der Kampf der Fans für den Erhalt des Stadions hat keinen Erfolg, ein 2:2 gegen den SC Freiburg am 16. Juni ist das letzte Spiel.

Der VfB zieht zur Saison 1991/92 in das städtische Marschwegstadion um. Und dieser Umzug hat wenig Freunde. Eine AnworhnerInnen-Initiative sorgt sich um Lärm und Verkehr, die LeichtathletInnen und BreitensportlerInnen um ihre Nutzungszeiten. Und selbst bei den VfB-Fans ist das weitläufige, stimmungsarme Rund wenig beliebt. VfB-Manager Rudi Assauer spricht von einer Übergangslösung.

Fernsehbeitrag von Radio Bremen zum Umzug mit Rudi Assauer und der Bürgerinitiative
Ein weiterer Fernsehbeitrag von Radio Bremen lässt die BreitensportlerInnen zu Wort kommen. Nebenbei sieht man, dass das „romantische Idyll“ Marschwegstadion schon vor 30 Jahren marode war.

Ironischerweise ist diese erste Saison am ungeliebten Marschweg die erfolgreichste in der Geschichte des VfB Oldenburg. Der Aufstieg in die 1. Bundesliga wird am letzten Spieltag nur knapp verpasst.

1996

Am Marschwegstadion wird die neue und zum damaligen Zeitpunkt zweitligagerechte Haupttribüne mit 4.600 Sitzplätzen für vier Millionen Euro gebaut. Während sich der VfB Oldenburg und die anderen StadionnutzerInnen und BesucherInnen über die neue Tribüne freuen, haben auch die KritikerInnen Grund zum Jubeln: Im Rahmen des Baurechts werden aus Gründen des Schallschutzes die Nutzungszeiten für das Marschwegstadion limitiert. So darf ab 18:30 Uhr kein Anstoß mehr erfolgen. Zudem werden ab 18 Uhr und Sonntagmittags die Zuschauerzahlen begrenzt. Eine Regelung, die uns heute gewaltig auf die Füße fällt, da sie das Marschwegstadion untauglich für Abendspiele und damit für den Profifußball macht.

Im Sommer feiert der VfB Oldenburg die bislang letztmalige Rückkehr in die 2. Bundesliga. Oberbürgermeister Holzapfel verspricht den Fans ein Flutlicht. Ein Unterfangen, dass sich aufgrund der nahen Autobahn als „nicht einfach“ herausstellt und auch unabhängig davon schnell wieder in der Schublade der Politik verschwindet. Der Bau des Flutlichts wird erst 28 Jahre später begonnen.

2005

Zwei relevante Studien werden in diesem Jahr vorgestellt. Nach Eröffnung der ersten EWE-Arena stellt die Stadt die Planungen für eine „Freizeitmeile“ südlich und östlich der Weser-Ems-Halle, entlang der Maastrichter Str. vor. „Jetzt können wir eine städtebauliche Konzeption vorantreiben, die die Bereiche Freizeit, Erholung und Sport favorisiert.“ sagt Oberbürgermeister Schütz in der NWZ.

Als zweites wird von Prof. Dr. Wopp von der Universität Osnabrück ein Gutachten zur Sportentwicklung der Stadt Oldenburg erstellt. In diesem Gutachten, dass die Grundlage für den späteren Sportentwicklungsplan der Stadt bildet, wird der Bau eines reinen Fußballstadions an der Weser-Ems-Halle empfohlen und ein Teilrückbau für das Marschwegstadion vorgeschlagen, damit „der Bereich Schlossgarten, Olantis und Marschweg in seiner Gesamtheit als Sport- und Erholungspark geplant und gestaltet werden kann.“

2007

Stadion-Skizze von Lars Frehrichs (9grad architektur)

Aus dem Nichts kommt plötzlich neue Fahrt in die Stadiondebatte. Projektentwickler Jochen Rehling und Architekt Lars Frehrichs lancieren kurz vor Silvester 2006 in der NWZ ihre Idee für ein neues Fußball-Stadion mit integriertem Hotel. Das Stadion in Backstein-Optik soll 15.000 Zuschauer fassen und 20 Millionen Euro kosten. Als Standort wurde von den beiden Initiatoren die Maastrichter Straße hinter der Weser-Ems-Halle gewählt.

Stadion-Skizze von Lars Frehrichs (9grad architektur)

Mit den beiden Geschäftsführern der Ashampoo GmbH, Rolf Hilchner und Heinz-Wilhelm Bogena findet die Idee zwei umtriebige Unterstützer, die zahlreiche Aktionen starten, um Aufmerksamkeit und erste Gelder für das Stadionprojekt zu sammeln. So wird unter anderem Bogenas Porsche versteigert und mit dem „Soccer Stone“ ein Ziegelstein in Form einer Torwand hergestellt und verkauft.

Zusammen mit weiteren Unterstützern (u.a. Carsten Linke, Harald Willers) gründet sich die Initiative go-OL um das Stadionthema weiter voranzubringen.

Video der Initiative go-OL mit Visualisierungen

Bei einer Veranstaltung der Oldenburger Wirtschaftsförderung stellen Rudi Assauer und Walter Hellmich (Bauunternehmer und damaliger Präsident des MSV Duisburg) die Vorteile eines Neubaus vor. Im Fan-Forum des VfB Oldenburg teilen die späteren Mitglieder dieser Initiative erste eigene Ideen.

Visualisierung von Jost Glaeseker

Da der VfB Oldenburg zu dieser Zeit erst dabei ist, sich wieder aus den Untiefen der 5. Liga hochzuarbeiten, die Stadionanforderungen der damaligen 3. Liga noch nicht so hart sind und die weltweite Finanzkrise beginnt, verfängt das Unterfangen nicht nachhaltig und verläuft letztendlich im Sande. Eingeworbene Gelder aus den Aktionen fließen stattdessen an die Jugendausbildung des VfB.

2008

Nach 15 Jahren Leerstand und Verfall wird das alte Donnerschweer Stadion endgültig dem Boden gleichgemacht und an der Stelle ein Stadtteilzentrum mit Einkaufsmärkten eröffnet. Im Eingangsbereich (Ecke Donnerschweer-Straße und Wehdestraße) erinnert eine Bronzeplatte an das alte Stadion.

2011

Ein Ereignis abseits des Fußballs aber dennoch relevant: Das Marschwegstadion steht auf einer alten Mülldeponie. Es gibt erhebliche Probleme mit Versackungen des Bodens und diese machen die Laufbahn wellig und nicht mehr wettbewerbsgerecht. Die Tartanbahn muss neu errichtet werden und wird im Sommer 2012 wieder freigegeben.

2013

Mit Eröffnung der mittlerweile zweiten EWE-Arena entsteht an den Weser-Ems-Hallen ein umfassender Veranstaltungskomplex für Spitzensport. Ein neues Stadion könnte hier von vielen Synergien profitieren.

2014

Der VfB Oldenburg ist sportlich im Aufwind und mit den Erfolgen in der Regionalliga gewinnt auch die Debatte um ein Stadion an Ernsthaftigkeit. Die Verwaltung denkt dabei allerdings zuerst an eine Ertüchtigung des Marschwegstadions, unter anderem eine Erneuerung der Stehplätze für ca. acht Millionen Euro. Die frisch gegründete Initiative Nordweststadion kann aber verdeutlichen, dass der Standort am Marschweg nicht nur nachteilig sondern auch nicht Zukunftsfähig ist und Investitionen besser in einen Neubau fließen sollten.

Die Stadt gibt auf diesen Impuls eine Standortstudie in Auftrag. Stadionbau-Experten von AS&P untersuchen insgesamt neun Standorte im Stadtgebiet, inklusive dem bestehenden Standort am Marschweg, der für untauglich befunden wird. Als zukunftsfähige Standorte werden die Maastrichter Straße, die Holler Landstraße (Grundstücke allerdings nicht in Besitz der Stadt) und der Fliegerhorst (mittlerweile anders überplant) identifiziert.

Die Initiative Nordweststadion bereichert die Stadiondiskussion mit zeitgemäßen Entwürfen.

Entwurf 2014 Initiative Nordweststadion, Luftbild
Entwurf 2014 Initiative Nordweststadion, Innenansicht
Entwurf 2014 Initiative Nordweststadion, Schnittansicht Haupttribüne

2017

Der VfB Oldenburg droht schon wieder mit Aufstieg und so kommt neue Bewegung in die Stadiondebatte. Die Stadt beauftragt mehrere Dienstleister (unter anderem wieder AS+P) mit der Erstellung einer Machbarkeits-Studie, einer Wirtschaftlichkeitsberechung sowie Untersuchungen zu Schall und Verkehr. Ein Stadion mit einer Kapazität von 10.000 Zuschauern soll 23 Millionen Euro kosten, ein eventuell nötiges Parkhaus weitere 8 Millionen Euro.

Da sich der Aufstieg nicht einstellt, verschwinden die Pläne wieder in der Schublade, was den VfB fünf Jahre später den Klassenerhalt in der 3. Liga kosten und eigentlich unnötige Investitionen ins Marschwegstadion verursachen wird.

2022

Jetzt ist es soweit. Der VfB wird Meister der Regionalliga Nord und setzt sich in den Relegationsspielen gegen den Berliner FC Dynamo durch. Das Marschwegstadion ist zu ersten Mal seit Jahren wieder ausverkauft – aus Sicherheitsgründen allerdings nur mit 12.000 ZuschauerInnen.

Da das Marschwegstadion nicht die Voraussetzungen für die Teilnahme an der 3. Liga erfüllt, muss vom DFB eine Ausnahmegenehmigung erkämpft werden. Der VfB Oldenburg muss zu jedem Heimspiel ein mobiles Flutlicht (Kosten geschätzt 35.000 € pro Spiel) und die Arena von Hannover 96 als Ausweichspielort für Abendspiele und Frosttage (Kosten geschätzt 60.000 € pro Spiel) benennen. Am Marschweg wird zudem eilig improvisiert, um weitere Ansprüche (Kameraplätze, Sicherheit usw.) halbwegs zu erfüllen.

Einer der beiden Masten des mobilen Flutlichts
VfB-Fans beim „Heim“-Spiel in der Arena von Hannover 96

Eine der Grundlagen der Ausnahmegenehmigung ist aber das Erreichen der uneingeschränkten Spielfähigkeit im heimischen Stadion. Die Neubaudiskussion kommt damit endgültig in Fahrt. Die Stadt beauftragt eine Aktualisierung der Studie samt Wirtschaftlichkeitsbetrachtung aus dem Jahr 2017. Die Studie wird der Stadt im August vorgestellt. Untersucht wurden als Optionen Stadiongrößen von 5.000 (ohne Ausbauoption), 7.500 und 10.000 ZuschauerInnen (mit Ausbauoption auf 15.000). Die Baukosten werden für 7.500 Zuschauer mit 34 Millionen Euro beziffert. In der Flächenplanung der Stadt wird für das Gelände an der Maastrichter Straße ein Aufstellungsbeschluss „Stadion Maastrichter Straße“ getroffen.

Auch dieses Mal bildet sich eine Bürgerinitiative gegen die Neubaupläne, die vehement gegen einen Stadionneubau kämpft.

Im Spätherbst werden weitere Ertüchtigungen für das Marschwegstadion in Auftrag gegeben. Für ein Flutlicht, Sicherheitstechnik, eine neue Beschallungsanlage und Schalensitze werden knapp vier Millionen Euro veranschlagt. Eine Ausgabe, die nicht nötig gewesen wäre, hätte man schon 2017 einen Neubau beauftragt.

2023

Nach intensiver öffentlicher Debatte trifft im Februar der Stadtrat mit den Stimmen von SPD (abzüglich einer Abweichlerin), CDU, FDP/Volt und Linke mit großer Mehrheit die Grundsatzentscheidung zum Bau eines neuen Stadions mit mindestens 7.500 Zuschauern und eine Ausbaukapazität von 15.000 Zuschauern.

Im April wird eine Stadionplanungsgesellschaft gegründet, die die nötigen Studien und Gutachten (Kosten, Verkehr, Umwelt usw.) ausschreibt. Aufgrund Verzögerungen in der Vergabe und Bearbeitung der Gutachten wird der geplante finale Vergabetermin („Point of no Return“) vom Oktober auf den April 2024 verschoben.

Als Initiative unterstützen wir die Debatte mit inhaltlichen Positionen und aktualisierten Entwürfen unter anderem für ein Stadion in Holzbauweise.

Entwurf 2023 Initiative Nordweststadion, Südwestansicht
Entwurf 2023 Initiative Nordweststadion, Innenansicht

Der VfB Oldenburg steigt nach nur einer Saison wieder aus der 3. Liga ab, auch weil das Marschwegstadion wie ein Klotz am Bein ist und die Kosten für Mietflutlicht und Ausweichstadien die Zusammenstellung einer Mannschaft verhindern, die die Liga halten kann. Trotz der mageren Punktausbeute am Marschweg sind die Oldenburger heiß auf die 3. Liga. Mit einem Zuschauerschnitt von 5.570 verdreifacht der VfB seine Zuschauerzahlen im Marschwegstadion zur Vorsaison und übertrifft deutlich die Schätzungen der Stadion-Studie.

Im Herbst melden die in der 2. Liga (GFL2) spielenden American Footballer der Oldenburg Knights als zweite Mannschaft Interesse an einem neuen Stadion an.

2024

Aller Voraussicht nach wird der Rat der Stadt Oldenburg in seiner Sitzung am 15. April über den Start des Ausschreibungsprozess und die Zukunft des Oldenburger Fußballs entscheiden.