Nachdem wir den Stadionwerdungsprozess bereits seit 12 Jahren intensiv begleiten und letztendlich unsere Expertise in Kooperation mit dem VfB in die offiziellen Stakeholder-Workshops vor dem Startschuss des TU-Wettbewerbs einbringen konnten, endete mit der Pressekonferenz am 8.Mai in gewisser Weise ein mehrmonatiger Blindflug für uns, weil während dieser Zeit durch den notwendigen Geheimhaltungsprozess im Verfahren kein öffentlich inhaltlich-konstruktiver Austausch zur Stadionplanung stattfand. Wir mussten vertrauen, dass wir unsere Prioritäten plausibel genug im Vorfeld argumentiert hatten und in den (für uns nicht einsehbaren) Entwurfsvorgaben Widerhall fanden. Daraus lässt sich ermessen, wie gespannt wir auf das dann verkündete Ergebnis blickten und welches erste Fazit wir daraus ziehen.
Wie es häufig so ist, wenn man selber viele eigene Bilder im Kopf hat und dann mit der Idee Anderer dazu konfrontiert wird, braucht es einen Moment, sich in andere Umsetzungsvorschläge reinzudenken. So auch am Vormittag dieses 8.Mai. Wir haben anhand der vorliegenden vier Visualisierungen die Struktur und (im Ansatz) Details des Entwurfs analysiert und letztlich für uns bewertet. Hierbei sei ganz eindringlich angemerkt, dass Visualisierungen in der Entwurfsphase selten zwingend alle Details korrekt abbilden, man sich also nicht allzu sehr in Detailbewertung nur aufgrund dieser Bilder stürzen sollte. Zumeist erzwingen die immer folgenden weiteren Leistungsphasen (Genehmigungsplanung/Ausführungsplanung) noch Detailanpassungen. Da wir es mutmaßlicherweise (weil offiziell nicht bekannt gegeben) mit einen Totalunternehmer zu tun haben, der bereits mehrere Stadionobjekte in Deutschland realisiert hat, ist aber zu erwarten, dass die angesprochenen Änderungen in kleinerem Rahmen bleiben.
Wie also ist unsere Einschätzung zum jetzigen Zeitpunkt? Um die Grundspannung vorweg zu lösen: Wir haben es unseres Erachtens mit einem sehr, sehr gelungenen Paket zu tun! Aber der Reihe nach möchten wir hier einige Einzelaspekte listen, angefangen mit ein paar kritischen (aber lösbaren) Anmerkungen von außen nach innen:
- Achteck: Die stark-markante Achteck-Form war etwas unerwartet, zumal sie eine Asymmetrie erfährt, begründet dadurch, dass das Funktionsgebäude im Westen bereits komplett in der Form überspannt wird. Starke Form, aber zu (den erwartbaren) Marketingzwecken wäre es sinnvoll, die in der Vogelperspektive angedeutete Trennung Trapezblech (über den Tribünen) und Gründach (Funktionsgebäude mit Technikaufbauten) auch konsequent umzusetzen, um das symmetrisches Dach-‚O‘ für ‚Oldenburg‘ graphisch nutzen zu können.

- Fassaden: Während die markante achteckige Dachscheibe ganz stark eine horizontale Ebene als Leitmotiv gibt, ist die bisherige Fassadengestaltung betont vertikal, mal in hellbeige oder dunkelblauen Paneelen in den Fensterfluchten dargestellt. Es wirkt mitunter Schießscharten-mäßig. Hier wäre zum einen die horizontale Betonung harmonischer zur Dachscheibe als auch zum anderen eine Abkehr von einem verschlossenen Festungscharakter zu einer gelassenen Offenheit, gerade für den Eindruck der heimischen ankommenden Zuschauenden. Dieser Aspekt ließe sich vermutlich aber kostenneutral heilen, da die sichtbaren Strukturen einer Fassade in dieser Bauweise zumeist nur vorgehängte, Witterungs-schützende Paneele sind, die so oder so gestaltet werden können.
- Rollstuhl-Blöcke: Ein Punkt, der speziell in der Darstellung bei Fernseh-Übertragungen relevant wird, sind die beiden RollstuhlfahrerInnen-Blöcke rechts und links auf der Gegengerade. Das sind die Bereiche, die von TV-Kameras am häufigsten während eines Spiels erfasst werden und mitunter Image-prägend für den Stadionstandort sind. Hier würde nun im Normalzustand viel Beton zu sehen sein, denn naturgemäß wird dieser Bereich von wesentlich weniger Zuschauenden pro Fläche frequentiert. Der rückwärtige Bereich der Box lässt sich etwas exklusiver durch große Werbeflächen verkaufen, aber eine Überlegung zur kreativen, farblichen Gestaltung der verbliebenen Betonoptik wäre empfehlenswert. Hier wäre aber sicherlich sehr viel Eigeninitiative generierbar und somit ebenso kostenneutral lösbar.

Neben diesen zugebenermaßen kleineren kritischen Anmerkungen, die alle glücklicherweise nicht substanziell sind und sich zudem ohne Umstände „heilen“ ließen, gibt es einen positiven Ansatz, der noch Optimierungs-Potential besitzt.
- Innerer Umlauf: Die Visualisierungen weisen einen inneren Umlauf zwischen den Mundlöchern auf, der zur Quererschließung der Zuschauenden-Ströme dient. Positiv daran ist, dass es ein kommunikatives Element darstellt und sich Personen auch auf den Tribünen treffen und begegnen können und nicht nur außerhalb unter den Tribünen. Hierbei wäre sicherlich ein in die Binder eingelassener Gang besser, als ein Aufgesetzter wie aktuell gezeigt, da dann Menschen im Vorbeigehen oder Verweilen nicht im Blickfeld der dahinterliegenden Sitzreihen erscheinen würden. Diese Lösung wäre aber vermutlich teurer, insofern ist dieses Manko zu verschmerzen, denn…
… ansonsten sind alle anderen Elemente und beurteilbaren Details des vorgestellten Entwurfs wirklich als sehr gute Lösungen zu bewerten. Hierbei stechen besonders folgende Aspekte hervor:

- Erweiterungen: Die im vorherigen Konzept von AS+P noch als optionale Ausbaustufen geplanten äußeren Erweiterungen des Funktionsgebäudes hinter der Haupttribüne scheinen bereits voll erschlossen und würden tendenziell bereits vom Start mehr Mieteinnahmen generieren können. Das wäre natürlich ein positiver Moment bezüglich des leicht um 1,86 Mio. Euro gesteigerten Gesamtinvest von 57,3 Mio. Euro.
- Dachfläche: Die bereits erwähnte achteckige Dachscheibe nutzt in der Fläche auch die Binder-Auskragungen außerhalb des eigentlich zu überspannenden Tribünenbereichs und schafft so nicht nur eine wirklich riesige Fläche für Photovoltaik und bleibt wegen darunterliegender Tragwerksstruktur zudem komplett verschattungsfrei (ebenso wiederum Mehreinnahmen), sondern erzeugt auch darunter im Umlauf unter und hinter den Tribünen einen extrem großen Witterungs-geschützten Außenbereich, der dadurch vielfältig genutzt werden kann, sei es schlicht durch Flohmärkte bei schlechtem Wetter oder gar als Ausstellungsflächen in Kooperation mit den Weser-Ems-Hallen.

- Holz: Die Variante der Dachträger als Leimholz-Binder wird optisch extrem charmant und bietet ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal des Stadions, das sich spätestens hiermit von vielen Standard-Stadiontribünen abhebt. Für die spätere Vermarktung des Stadions definitiv ein weiteres Pro.
- Ecken: Aber das eigentliche Highlight für die Funktion, den Charme und (wahrlich nicht zuletzt) die Atmosphäre ist die perfekte Ecklösung. Für das (in Relation) geringe Budget und die anfängliche Deckelung der Tribünen auf 10.000 Zuschauende eine Komplettumspannung des Daches sowie der Fassade einzuplanen ist schon richtig gut. Hierin bestand unsere größte Skepsis, ob der Siegerentwurf letztlich eine atmosphärische Dichte mit unausgebauten Ecken erzeugen könnte. Das ist schlicht perfekt gelungen. Besser geht es nicht! Das konsequent (auch akustisch) geschlossene Ensemble sollte dann auch mehr Innenraum-Nutzungen außerhalb des Sports ermöglichen, welche ebenso vorteilhaft auf der Einnahmenseite verbliebe.
Im Zwischenfazit der bisher zu beurteilenden Entwurfsideen bleibt somit ein wirklich sehr, sehr guter Gesamteindruck, der gemessen am gedeckelten Budget wahrlich die Erwartungen weit übersteigt. Die geringen Mehrkosten scheinen durch die oben erwähnten Vorzüge gut auf Strecke refinanzierbar. Mit diesem gelungenen Konzept kann nun endlich ein mehr als drei Jahrzehnte schwelender Prozess zu einem wirklich guten Ende geführt werden. Insofern: Machen!
Die Originalbilder sowie weitere Informationen hirzu sind auch über die Seite der Stadt Oldenburg abrufbar: https://www.oldenburg.de/startseite/kultur/sport/marscehwegstadion-und-stadion-neubau/stadion-neubau/so-soll-der-stadion-neubau-aussehen.html



